Mit dem Ruderboot von Agadir nach Barbados
Rettungsversuch unserer havarierten Santa Maria am 30.12. endete mit deren Totalverlust
Wer weiß wofür es gut war.
Zwei Interviews und drei Berichte später... Ob ich die Berichte gelungen finde, werde ich gefragt. Was ist gelungen? Was kann man sagen, in drei Minuten Sendezeit oder einem 20-Zeiler? Wenn Live-Moderatoren aufgrund fehlender Absprache Skulls mit Steuerung verwechseln?
Die Entscheidung aufzubrechen stellt sich jeden Tag neu. Nach einem Blick auf die aktuellen und auch vorhergesagten Wetterverhältnisse. Zwei Tage südlicher Wind war angesagt. Er würde nach 3 Tagen von Nordost drehen. Ich hatte mit mehreren Seglern gesprochen, die Wetterberichte für eine Woche auf mehreren Homepages gelesen. Samir unser Hafenmeister meinte auch, "ihr schafft das". Südlicher Wind heißt: der Wind bläst von Süden in nördliche Richtung. Wir würden also gegen den Wind rudern müssen. Ansonsten waren Wellen vorhergesagt, kein Thema, die Sekundenintervalle waren mit 16 angegeben. Als Faustregel gilt: alles über 10 Sekunden ist machbar. Ja, dann sind wir also am 25. 12. um 8:00 Uhr losgerudert. Nach einer wunderschönen Weihnachtsfeier mit all den Seglern die auch im Hafen von Agadir lagen.
Die ersten Tage waren gut zu rudern, geprägt von Seekrankheit. In der dritten Nacht, ich war gerade dran mit Wache schieben, konnte ich es richtig fühlen. Innerhalb von Sekunden drehte der Wind und blies mir schwülwarm ins Gesicht, wurde ruppig und hatte so etwas Unangenehmes an sich. Na gut dachte ich, der Southerly nimmt uns nun unsere erruderten 120 Seemeilen wieder weg und bläst uns Richtung Norden. Vielleicht ist er ja gnädig und trägt uns etwas näher an Lanzarote heran. Anfangs konnten wir auch richtig gut den Kurs halten. Da an Rudern nicht mehr zu denken war, hat sich Toni neben die Ruderführung im Boot gesetzt und das Ruder bedient und uns in jede Welle richtig reingesetzt. Der Schub gab uns zwischen 3 und 4 Knoten in der Stunde.
Nur, der Wind wurde immer stärker, und erreichte eine Stärke von 7 Beaufort. Hinzu kam, dass die Wellen, der Schwell, von Westen nach Osten immer stärker wurde, während der Kanarenstrom sich als einzige Konstante von Norden nach Süden bewegt. Und in diesem Dreiergemisch der verschiedenen Richtungen überraschte uns eine richtig große Welle genau von hinten. Gehört haben wir es nicht, kein lauter Knacks oder dergleichen. Aber zu fühlen war es sofort. Das Boot hat sich sofort parallel zu den Wellen gelegt und lief Gefahr zu kentern. Theoretisch wird sich das Boot um die eigene Achse drehen, sobald es überschlägt. Doch in der Praxis ist das eine Erfahrung, die nicht nach Wiederholung schreit. In solch steuerlosen Situationen ist der Para-Anker nicht mit Gold aufzuwiegen. Nachdem wir diesen gesetzt haben, hat sich die Santa Maria wieder in den rechten Winkel zu den Wellen gelegt und wir konnten diese wie routinierte Surfer abreiten. Unser Plan sah vor, das schlechte Wetter auszusitzen, dann das Ruder auszutauschen und uns von Neuem auf den Weg nach Südwesten zu machen.
Doch hatten wir die Rechnung ohne unsere Treibanker gemacht. Nach mehreren Stunden ohne Zwischenfall konnten wir wieder fühlen, dass die Wellen seitlich über uns zusammenschlugen. Die einzige Erklärung war, dass sich der Anker vielleicht in die Leine hineingewurschtelt hat, und seine Größe und Kraft nicht ganz entfalten kann. Dass der Treibanker einfach nicht mehr vorhanden war, war eine böse Überraschung. Er hatte sich vom Seil losgerissen. Na gut, nicht lange darüber nachdenken wie das passiert sein könnte, wir hatten ja drei dabei. Der nächste Treibanker flog ein paar Minuten später über Bord und richtete uns wieder aus. Aber leider nur 2 Stunden lang. Ein brandneues Teil, das sich komplett in seine neonorangen Bestandteile aufgelöst hat war alles was von dem Treibanker übrigblieb. So, nun standen wir da. Keine Steuerung, an ein Reparieren war bei dem Wellengang nicht zu denken, keine Treibanker, da die Nummer drei tatsächlich nur für ruhige Gewässer geeignet war. Ein Anruf beim Wetterdienst hat ergeben, dass sich die Wetterlage entgegen der Vorhersage entscheidend verschlechtert hat. Wir mussten mindestens mit weiteren 24 Stunden Sturm rechnen. Nach einigem Abwägen und dem Aufzeigen diverser Szenarien a la "was ist wenn..." entschlossen wir uns, den Notruf zu aktivieren.
Binnen 15 Minuten hatte der Kapitän der Vanessa A per Funk Kontakt mit mir aufgenommen. Er sei 7 Seemeilen von uns entfernt, ob wir denn tatsächlich Hilfe bräuchten. Er habe gerade ein Notsignal empfangen. Ich erklärte die Situation und wir kamen überein, dass wir auf sein Schiff umsteigen würden. Eine knappe halbe Stunde später war das Schiff da. 168 Meter lang, ein Frachtschiff auf dem Weg nach Safi, 230 km nördlich von Agadir gelegen. Allein der Anblick der 10 Meter hohen rostigen Bordwand der Vanessa A und die Frage des Kapitäns wo wir wären, er könne uns von der Brücke aus nicht sehen, ließ ahnen, daß die Rettungsaktion kein Spaziergang werden würde. Mehrfach versuchte Kapitän Tangunan uns auf seine Leeseite zu bringen, doch die Wellen trieben uns wie einen Korken immer wieder aus seiner Reichweite. Der nächste Versuch sah vor, frontal auf uns zuzufahren, um nahe genug an uns heranzukommen. Nie werde ich diesen Anblick vergessen. Da kommt ein Stahlbug auf einen zu, das Wasser schäumt steigt und fällt etwa 4 bis 5 Meter und drückt uns an den Rumpf. Die Ausleger splittern, das Gestänge für die Laufleine bricht weg und wir stehen ohne Halt im Boot. Und schieben uns knirschend an der Bordwand entlang. Bevor wir eines der Taue erreichen konnten, welche die Crew herabgelassen hatte spülen uns die Wellen wieder von der Vanessa A fort. Das hat sich ja gelohnt, denke ich noch. Boot kaputt, kein Tau in der Hand, was denn nun? Plötzlich höre ich einen Schuss. Ducke mich. Dann erst erkenne ich, dass die Crew dünne Rettungsleinen in unsere Richtung schießt, die der Wind aber sofort verbläst. Die dritte Leine können wir mit Mühe mit dem Bootshaken erreichen. Daran hängen wir unsere Festmachleine und werden Richtung Frachtschiff gezogen. Bei dieser Aktion stoßen wir mehrfach mit dem Bug frontal an die Bordwand der Vanessa A und haben auch bald ein Loch an der Spitze. Alex unser Bootsbaumeister wird sich freuen, denke ich noch.
Die philippinische Crew hängt eine Strickleiter über Bord und bedeutet mir, hochzuklettern. Da meldet sich die gute alte Höhenangst in mir. 2 Stufen schaffe ich, dann legt sich das Schiff auf die Seite und die Strickleiter baumelt frei neben der Bordwand. Ich klettere keinen Meter weiter. Kapitän Tangunan hat das Drama von der Brücke aus verfolgt und erkennt, dass ich die senkrechte Leiter nach oben wohl nicht schaffen werde. Er rennt an Deck, schwingt sich ohne Harness über die Bordwand uns kommt mir mit einem Seil entgegen. Zurrt es unter meinen Achseln fest und ermöglicht es den Seeleuten, mich an Bord zu ziehen. Toni schafft es ohne Hilfe an Bord. Absolut dankbar an Bord zu sein, stellt sich natürlich gleich die nächste Frage nach unserer Santa Maria. Da keine Möglichkeit besteht, sie an Bord zu kranen wird sie ins Schlepp genommen. Nicht ausgelegt, mit 11 Knoten durchs Wasser gezogen zu werden und dazu noch beschädigt, nimmt sie sehr schnell Wasser. Sie wird zu schwer für das Tau und reißt sich nach 2 Meilen los. Sie schwimmt noch, als wir sie aus dem Blick verlieren.
Wir bleiben insgesamt 5 Tage an Bord der Vanessa A. Kapitän Tarlito Tangunan kann nicht in Safi einlaufen, da seine Ladebucht noch besetzt ist. Das Wetter ist zu schlecht, um auf das Boot der Küstenwache umzusteigen. Die trauen sich auf Grund des Wellengangs nicht näher als 10 Meter an die Vanessa A dran. Mit einem kurzen Winken und der Beteuerung dass wir aus freiem Willen an Bord bleiben, geben sie sich zufrieden.
Die Crew ist einmalig nett. Nachdem alles was wir hatten auf der Santa Maria zurückgeblieben ist, versorgen sie uns mit Kleidung, Zahnbürsten und 5 Mahlzeiten am Tag. Das Einzige was wir retten konnten waren unsere Pässe, das VHF-Radio, ein GPS, das Satellitentelefon und das EPIRB. Viele Gespräche mit dem Kapitän zeigen uns auf, dass wir hier sehr glimpflich davongekommen sind. Mit Hinblick auf seine 30 Dienstjahre auf See glauben wir ihm und haben mehr und mehr Respekt vor seiner Manövrierkunst, die ich an Bord der demolierten Santa Maria nicht würdigen konnte.
In Safi ist eine Menge Behördenkram mit der Hafenpolizei zu erledigen. 3 Stunden später sitzen wir im Bus Richtung Agadir. Die Flüge sind ausgebucht, es sind Weihnachtsferien. So bleibt uns eine Woche Gnadenfrist in der Sonne. Diese fülle ich mit Gesprächen mit befreundeten Seglern an der Marina. Der Hafenmeister und ich lassen die Woche auf See Revue passieren. Ich hadere nicht mehr ganz so sehr mit dem Schicksal und schließe mich dem Spruch eines Freundes an: Wer weiß wofür es gut war.